Wie 300 Lehrkräfte ein Neuronales Netz wurden

KI, Theater und kulturell-mediale Bildung bei der Deutschlehrertagung in Bulgarien
Pazardzhik, Bulgarien | 17.–19. April 2026
Der Moment wirkt beinahe surreal: Fast 300 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer richten die Lichter ihrer Mobiltelefone auf die Bühne eines Konzertsaals in Pazardzhik. Aus dem Publikum entsteht ein pulsierendes Netz aus Lichtpunkten – als hätte sich der Raum selbst in ein neuronales System verwandelt.
Was zunächst wie eine theatrale Intervention erscheint, ist Teil eines Vortrags über Künstliche Intelligenz, kulturell-mediale Bildung und die Zukunft des Deutschunterrichts.
Im Rahmen der 34. Tagung des Bulgarischen Deutschlehrerverbandes gestaltete Stephan Reischl, unser Direktor für kulturell-mediale Bildung, im Auftrag des Goethe-Instituts Sofia einen Plenarvortrag sowie zwei mehrstündige Workshops zu KI, Theaterpädagogik und kreativen Vermittlungsformaten.
Unter dem Titel „Neues vom Deus ex machina – KI im Deutschunterricht“ verband Reischl kulturgeschichtliche, theaterpädagogische und mediale Perspektiven mit aktuellen Fragen zur Rolle von Lehrkräften in Zeiten generativer KI.

Im Zentrum stand dabei nicht allein die technische Entwicklung, sondern die Frage nach Präsenz, Kreativität und pädagogischer Haltung: Was geschieht, wenn Maschinen beginnen, Sprache, Bilder und sogar menschliche Kommunikation zu simulieren? Welche Rolle bleibt Lehrkräften in einer Welt algorithmischer Systeme? Und wie verändern sich Unterricht, Wahrnehmung und Lernprozesse durch KI-gestützte Kommunikation?
Anknüpfend an die Figur Walther von Stolzing aus Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg entwickelte Reischl dabei die Idee eines „Stolzing-Effekts“ – als Bild für das Spannungsfeld zwischen Regel und Innovation, Tradition und schöpferischer Erneuerung.
Der Vortrag verband klassische Präsentation mit performativen Elementen, chorischen Interventionen und bewusst gesetzten Irritationsmomenten. KI-generierte Stimmen, theatrale Übergänge und kollektive Aktionen verwandelten den Vortragssaal zeitweise selbst in eine performative Lernumgebung.

(300 Lehrerinnen und Lehrer bilden das „neuronale Netz“)
In zwei anschließenden Workshops unter dem Titel „Quo vadis, K-reat-I-vität?“ erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer praktische Einblicke in kreative KI-gestützte Unterrichts- und Theaterformate. Im Mittelpunkt standen hybride Lernräume, dokumentarische Theaterformen im DaF-Unterricht sowie Möglichkeiten, kreative Schreib-, Medien- und Performanceprozesse mit KI-Werkzeugen zu verbinden.
Die Arbeit knüpft an zahlreiche internationale Projekte des IKMW im Bereich kulturell-medialer Bildung an. Gemeinsam mit internationalen Partnern entwickelt das Institut seit Jahren analoge, hybride und digitale Formate an der Schnittstelle von Theater, Medien, Sprache und kultureller Bildung.
Gerade in Zeiten tiefgreifender technologischer Veränderungen wurde in Pazardzhik deutlich, dass kulturelle Bildung weit mehr sein kann als reine Wissensvermittlung:
Sie kann Erfahrungsraum, Reflexionsraum und gemeinschaftliches Experimentierfeld zugleich sein.

(Der Workshop)
