Forschung und Publikationen

Das IKMW führt empirische Forschung im Kultur-, Medien- und Bildungsbereich durch. Das Forschungsspektrum reicht dabei von der Besucher- und Kulturnutzerforschung über Kulturmarktforschung in nationalen und internationalen Kontexten bis hin zu Machbarkeitsstudien für Projekte und kulturelle Infrastruktur, Branchenstudien und Potenzialanalysen sowie Forschung zu Medienentwicklung / Medienkulturen. Dazu gehören insbesondere auch Studien an der Schnittstelle von Kultur, Technologie, Organisationsentwicklung und kultureller Kommunikation/Vermittlung (s. TADE 21). Ausgewählte Studien werden regelmäßig publiziert.

Veröffentlichungen aus der Arbeit des IKMW

Klaus Siebenhaar im Interview mit Bettina Fraschke: „Kulturschaffende kennen ihre Zielgruppen nicht“ – Forscher übt Kritik. HNA, 08.04.2026. (Artikel online verfügbar hier!)

Klaus Siebenhaar bezieht mit Rüdiger Mass Stellung im Artikel von Farina Kremer: AfD flutet soziale Medien – andere Parteien schauen zu. Rheinische Post, rp-online, 29.03.2026 (Artikel online verfügbar hier!)

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Kulturelle Bildung mit langem Atem. In: Rückblick Ausblick. Leitfaden zur deutsch-polnischen Kulturvermittlung. Frankfurt (Oder), 2025 (Die Broschüre zum Download finden sie hier!)

Klaus Siebenhaar: Finanzielle Probleme der Berliner Kulturszene: Selbstbestimmt sparen beginnt in den Häusern. Tagesspiegel, 29.05.2025 (Hier geht es zum Artikel.)

Klaus Siebenhaar: Auftrag Publikum. Geschichte. Gegenwart. Zukunft. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Berlin 2025

Klaus Siebenhaar: TV-Duell Höcke gegen Voigt: Medienexperte sieht eine „klaren Sieger nach Punkten“. Interview auf Welt.de. 2024.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Stadt – Theater – Publikum. Publikums- und Bevölkerungsstudie 2023 Niedersächsische Staatstheater Hannover. Berlin 2023.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Stadt-Theater-Publikum_Content)

Klaus Siebenhaar, Achim Müller (Hrsg.): Timehouse: Where are we NOW?. Booklet zur Ausstellung im Löwenpalais Berlin. Berlin 2023.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Real time Extended reality Applications and Languages to Innovate creative industries‘ Narratives – Impact Study and Policy Recommendations. Berlin 2022.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Real-In_Impact Study_Content)

Klaus Siebenhaar: Schlesinger-Affäre: So schafft man sich selbst ab. Berliner Morgenpost online, aktualisiert 15.08.2022.

Klaus Siebenhaar: Cosmos Beuys. Art – World View – documenta. Berlin 2022.

Klaus Siebenhaar: Traum von der Teilhabe. Was Kulturinstitutionen zur Erhöhung ihrer
Reichweite leisten können – und was nicht. In: Museumsjournal, Ausgabe 3/22.

Klaus Siebenhaar: documenta. Die Geschichte der Weltkunstausstellung. Berlin 2022.

Klaus Siebenhaar: Kosmos Beuys. Kunst – Weltbild – documenta. Peking/Berlin 2021.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Kassel, seine städtischen Museen und ihr Publikum. Eine vergleichende Besucherstudie, Berlin 2020.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Unternehmerische Kulturförderung in Deutschland, Berlin 2019.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Opernsänger mit Zukunft! Karriereaussichten für Nachwuchssänger im deutschen Kulturbetrieb – Analysen, Erfahrungen, Empfehlungen, Gütersloh 2019.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Opernsaenger mit Zukunft_Content)

Gunnar Bender, Ralf Herbrich, Klaus Siebenhaar (Hrsg.): Mit Optimismus in die Zukunft sehen. Künstliche Intelligenz – Chancen und Rahmenbedingungen. Berlin 2018.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Bildung für die Praxis. Studiengänge für die Berliner Musikwirtschaft, Berlin 2018.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: European Theatre and the Public. Development, Orientations and Evidence, Berlin 2016.

Klaus Siebenhaar: Auftrag Publikum. Der Hochkulturbetrieb zwischen Audience Development und Ereignisästhetik, Berlin 2015.

Ein Schiff wird kommen.

Interreligiöses Projekt des „Jüdischen Kulturschiffs MS Goldberg“ evaluiert

Im zweiten Halbjahr 2025 hatte das IKMW die Gelegenheit, eine außergewöhnliche Kulturinstitution bei einem ebenso besonderen Vorhaben zu begleiten: Für das „Jüdische Kulturschiff MS Goldberg“ erarbeitete das Institut für das Programm „Abrahams Familiengeschichten“ eine umfassende Evaluation mit Zukunftsszenarien und Empfehlungen.

Mit “Abrahams Familiengeschichten” verfolgte die MS Goldberg eine anspruchsvolle inhaltliche und gesellschaftliche Mission: Ausehend von ihrer Verankerung in der jüdischen Kulturszene standen neben jüdischen auch im Islam oder im Christentum verortete Künstler, Musiken, Themen auf der Bühne. Ziel war es, das Verbindende zwischen den Religionen und Kulturen für ein möglichst großes Publikum inhaltlich und emotional erfahrbar zu machen.

Der Ort selbst trägt erheblich zu dieser Mission bei. Die MS Goldberg umgibt als ehemaligen Binnenfrachter eine besondere Aura: ein Schiff ist per se ein Ort außerhalb des Alltags, trägt unterschiedlichste Personen und Kulturen mit sich. Sie ist niedrischwelliger als eine türenbewehrte Kulturinstitution und kann ihren Liegeplatz verändern, um an anderen Orten ein anderes Publikum zu erreichen. Zugleich jedoch verlangen die Liegeplatzwechsel, an jedem Ort das Publikum spezifisch anzusprochen und aufzubauen.

Wer auf die MS Goldberg kommt, ist mit den Aufführungen und der Besuchserfahrung voll und ganz zufrieden: Die Zufriedenheit der Besucherinnen und Besucher ist auf einem außerordentlich hohen Niveau. Besonders die gelungene Kombination aus Musik und Texten, die Möglichkeiten für Fragen, Diskussion und Austausch sowie der Fokus auf Alltagsgeschichten, Humor und verbindende Elemente zwischen den Religionen tragen maßgeblich zum Erfolg bei.

Gleichzeitig wurde eine Entwicklungsperspektive identifiziert: Für das bisher weniger vertretene jüngere Publikum sollten zukünftig im Sinne einer Plattformorganisation mit Partnern wie den Kunsthochschulen ein spezifische neue Produktionen und Formate entwickelt werden.

Auch in der Kommunikation zeigen sich klare Stärken und Potenziale. Derzeit kommt das Publikum in Berlin vor allem aus Spandau – dem aktuellen Liegeplatz – und den umliegenden Bezirken. Besonders wirksam sind persönliche Empfehlungen, spontanes Laufpublikum sowie der für eine junge Institution umfangreiche Newsletter-Verteiler. Zukünftig könnte eine stärkere „Plattformisierung“ der Kommunikation dazu beitragen, die Reichweite zu erhöhen: Durch die Zusammenarbeit mit Programmpartnern und Netzwerkakteuren lassen sich spezifische Zielgruppen gezielter ansprechen und neue Publikumssegmente erschließen.

Das Fazit der Evaluation fällt insgesamt sehr positiv aus: Die MS Goldberg hat die entscheidenden Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung bereits gestellt. Mit ihrem klaren Profil, der besonderen Spielstätte und der Offenheit für kooperative Strukturen verfügt sie über hervorragende Voraussetzungen, ihr Publikum nachhaltig  zu erweitern. So wird sie in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierungen noch stärker durch lebendige und positive Erfahrungen Vorurteil ab- und  Brücken zwischen Religionen und Kulturen aufbauen können.

Kulturelle Bildung in Zeiten knapper Kassen

Evaluation der Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder)

Im Herbst 2025 hat das IKMW die Evaluation der jüngsten Reihe von Education-Projekten des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) (BSOF) unter dem Titel „Spannungsfelder“ abgeschlossen. (Der Bericht des IKMW kann hier heruntergeladen werden.)

Die „Spannungsfelder“-Projekte waren in den letzten Monaten der Corona-Pandemie entstanden. Sie mussten unter einer doppelten Herausforderung realisiert werden: Die geringeren Mittel als bei den vorhergehenden Education-Projekten des BSOF und die großen, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende Unsicherheit im Zuge der Pandemie und ihrer Folgen.

Die gesellschaftliche Ungewissheit wurde denn auch inhaltlich-künstlerisch konsequent in den Fokus genommen: Jeder Durchlauf der „Spannungsfelder“-Reihe widmete sich einem Spannungsfelder zwischen scheinbar gegensätzlichen oder ambivalenten  Begriffen: „Musik und Technik“ (2020/21), „Orient meets Occident” (2021/22), “Recht und Gerechtigkeit” (2022/23), “Lüge und Wahrheit” (2024/25) und “Angst und Mut” (2024/25).

Rund um diese Begriffspaare wurde jeweils ein musikalisches Programm konzipiert und unter der Leitung von Howard Griffith und einer international erfahrenen Choreographin mit Schülerinnen von jeweils einer deutschen Schule in Frankfurt (Oder) und einer polnischen Schule aus der Partnerstadt Slubice interdisziplinäre Musik- und Performance-Vorstellungen erarbeitet und vor großem Publikum aufgeführt.

Wegen der geringeren Mittel nach dem Ende der Förderung der Education-Projekte des BSOF durch die Schweizer Drosos Stiftung im Jahr 2019 wurden die Projekte der „Spannungsfelder“-Reihe mit weniger Schülern und ohne die intensiven Proben an den Schulen über das Schuljahr hinweg realisiert.

Stärker war dafür der Aspekt der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Die Anzahl deutscher und polnischer Schüler hielt sich in den neuen Projekten ungefähr die Waage, so dass die erfolgreiche zwei- bis dreisprachige Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung für den Projekterfolg war. Es war folgerichtig, dass diese Projekte der grenzübergreifenden Zusammenarbeit in der ländlichen deutsch-polnischen Grenzregion im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg gefördert wurde.

Auch angesichts der geringeren Mittel und der gewachsenen Herausforderungen war es der Anspruch des BSOF, weiterhin Projekte zu realisieren, die für die teilnehmenden Schüler prägende Erfahrungen stiften und damit gleichzeitig Modellcharakter für andere oder zukünftige Projekte haben. Die Evaluation des IKMW belegte, dass auch mit den begrenzteren Mitteln beeindruckende und wirksame Education-Projekte realisiert werden können: Die verkürzten Entwicklungs- und Probenzeiten führten zwar zu nachvollziehbar geringeren wahrgenommenen Freiräumen zum Ausprobieren und Entfalten neuer Fähigkeiten. Der Stolz auf das Erreichte bei den Schülern und die Resonanz im Kreis der Familien war jedoch auf vergleichbaren Niveau wie in den vorhergehenden Großprojekten.

Die angesprochenen Einschränkungen zeigen aber auch, dass gerade kleinere Projekte angesichts der geringeren Gruppengrößen und der eingeschränkten Entwicklungs- und Probezeiten umso sorgfältiger konzipiert, geplant und umgesetzt werden müssen.

Die vom vom IKMW herausgearbeiteten Erfolgsfaktoren lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Für die direkte Wirksamkeit bei den Schülern ist das Zusammenwirken der beiden alten Kulturtechniken des Spiels und des Fest ausschlaggebend. Die produktive Verbindung von künstlerischem Spiel und darstellendem, aufführendem Ereignis mündet in die Erfahrung von Freiheit und Selbstbestimmung. Im Einzelnen ist zu gewährleisten:

  • Der Beitrag der Schüler muss für die Schüler erkenn- und spürbar sein;
  • Schlüsselpositionen wie die musikalische und choreographische Leitung müssen mit charismatischen Identifikationspersonen besetzt sein.
  • Für zentrale Entwicklungsphasen sollten dritte Orte außerhalb der Schule oder der Kulturinstitution aufgesucht werden.
  • Partner der Schüler im künstlerischen Prozess sollten professionelle Künstler mit zugewandter, pädagogischer Haltung sein.
  • Im Rahmen sollte vollwertige Stücke und Stoffe auf ebenso vollwertigen Bühnen erarbeitet und aufgeführt werden.
  • Die mehrsprachige Zusammenarbeit sollte durch mehrsprachiges Personal bzw. Sprachmittler und durch spezifische Methoden der Gruppenbildung gestaltet werden.

Um dauerhaft Wirkung über einzelne Projekte hinaus zu entfalten, sollte das Zusammenspiel von Schule, Elternhaus, Orchester, Choreographen und Mittlerorganisationen als Bildungs-Ökosystem verstanden und gestaltet werden. Das bedeutet:

  • Der formale Bildungsraum Schule ist weiterhin der zentrale Wirkungsort. Die Beziehung zu Partnerschulen, die kontinuierliche Absprache mit Schulleitung und Lehrkräften sind unabdingbaren Grundlagenarbeit.
  • Kulturinstitutionen wirken als Inkubatoren und Akzeleratoren. Um als Plattform der immer neuen Projekte Kontinuität zu sichern, sollte kulturelle Bildung dauerhaft im Budget und Organisationsstruktur verankert werden.

„Auftrag Publikum“ in Zeiten der multiplen Krisen  

Zweite Auflage des Buchs zu nachhaltiger Publikumsentwicklung

Klaus Siebenhaar veröffentlicht die zweite, erweiterte Auflabe von „Auftrag Publikum. Geschichte. Gegenwart. Zukunft“ – angesichts von  Kostensteigerungen durch Tarifabschlüsse, beginnende Kürzungen von Zuwendungen in Folge der wirtschaftlichen Situation und  noch nicht einschätzbarer Auswirkungen der vielfältigen Krisen auf das Publikumsverhalten in einer Zeit mit existenziellen Herausforderungen für den Kulturbereich.

Als Bezugspunkt für Strategien und Maßnahmen unternimmt Klaus Siebenhaar eine übergreifende Analyse von Publika von der griechischen Antike bis in die Gegenwart. So werden Erwünschtheiten durch einen klaren Blick für die Kontinuitäten und Rahmenbedingungen im steten Spannungsverhältnis zwischen bürgerlichem Bildungsideal und Unterhaltungswunsch über die letzten gute 2.500 Jahre ersetzt.

Die zur Bewältigung der Herausforderungen empfohlenen Strategien werden neben den seit der ersten Ausgabe vor zehn Jahren unvermindert relevanten Feldern  vor allem in zwei Richtungen ergänzt: den Möglichkeiten, digital angereicherte Räume („Virtual Reality“, „Augmented Reality“ oder „Extended Reality“) für neue Erfahrungsräume sowie das Konzept von Ökosystemen von interdisziplinären Akteuren als organisatorische Grundlage für Audience Development, das über die Grenzen der eigenen Institution und der vertrauten Partner reicht.

So ist das Buch eine Orientierung für Macher mit einem klaren Blick für die Realitäten des Publikumsverhaltens und mit Gestaltungswille über gewohnte Wege und Diskurse hinaus.

Das Buch ist erhältlich bei B&S Siebenhaar Verlag+Medien:

Klaus Siebenhaar:
Auftrag Publikum
Geschichte. Gegenwart.Zukunft

B&S SIEBENHAAR VERLAG + MEDIEN OHG
www.siebenhaar-verlag.de
ISBN: 978-3-949111-21-1
29,80 Euro | 41,80 CHF

Bochum – eine Musikschule für alle?

Nutzerstudie für die Musikschule Bochum

Im Frühjahr 2024 führte das IKMW eine umfassende Studie zur größten Musikschule Deutschlands in Bochum – den Erfindern des JeKits (Jedem Kind ein Instrument oder Tanz)-Programms  durchgeführt. Es galt zu ermitteln, ob dem Selbstanspruch und Auftrag der Musikschule entsprechend die Stadtgesellschaft Bochums in all ihrer Vielfalt für die Angebote der Musikschule gewonnen werden kann, wie die Angebote der Musikschule von ihren Nutzern bewertet werden und welches Image der Musikschule sich daraus bildet. Mit Fragebögen und Gruppendiskussionen wurden drei Zielgruppen untersucht, die für die Verankerung von Musik im Leben eines Menschen als besonders relevant angesehen worden: die die Eltern von Halb- bis Dreijährigen, Grundschüler von der 1. bis zur 4. Klasse, sowie jugendliche Instrumental- und Gesangsschüler im Alter von 14 bis 18 Jahren.

Die Ergebnisse bestätigen die große Wirksam des in der Musikschule Bochum unter dem Namen JeKits entwickelten Ansatzes, allen Grundschüler Bochums in der 1. Klasse an einem von Lehrern der Musikschule gemeinsam mit Grundschullehrern durchgeführten spezifischen Unterricht teilnehmen zu lassen – gefolgt von freiwilligem Instrumental- oder Gesangsunterricht von der 2. bis 4. Klasse. So werden in der 1. Klasse wirklich alle Bochumer in dieser Kohorte mit einem maßgeschneiderten Musikalisierungsangebot erreicht. Aber auch im freiwilligen Instrumental- oder Gesangsunterricht in den Klassen 2 bis 4 ist der Anteil von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und mit nicht-akademischem Hintergrund höher als in den anderen Nutzergruppen. Gleichzeitig sind die Bewertungen der Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer ebenso ausgezeichnet wie die der Musikschule Bochum insgesamt- und zwar über alle Bereiche hinweg.

Doch auch auch Herausforderungen werden deutlich: Ein Desiderat ist es auch im Anschluss an die Angebote in der Grundschule häufiger Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte und nicht-akademischem Hintergrund für die Musikschule zu interessieren. Ansatzpunkte könnte Unterricht an Instrumenten aus den Herkunftskulturen, aber auch Angebote mit Bezug zu Jugendkulturen wie Hip Hop oder elektronischer Musik sein. Angesichts der Erfolge mit dem JeKits-Programm wäre auch hierfür eine An- oder Einbindung in den formalen Bildungsraum – die Schulen – der Königsweg, um wirklich „alle“ mit diesen Angeboten zu erreichen.

Gesamtbesuchserlebnis in Zeiten der Sanierung

Publikumsstudie für das Badische Staatstheater Karlsruhe zeigt Stärken und Herausforderungen

Im Mai 2024 veröffentlichte das Badische Staatstheater Karlsruhe die aktuelle Publikumsstudie des IKMW, die inzwischen siebte im Rahmen einer im deutschsprachigen Raum einzigartigen Langzeituntersuchung seit 2011. Sie verbindet Ergebnisse aus der repräsentativen Publikumsbefragung mit 3.099 Befragten (1.651 vor Ort und 1.448 online) von Mai bis Juli 2023 mit vertiefenden Erkenntnissen aus Gesprächsrunden mit ausgewählten Zielgruppen, die für die nachhaltige Publikumsentwicklung besonders relevant sind: „inaktive“ Besucher, deren letzte Besuche im Badischen Staatstheater länger als ein Jahr zurücklagen, Menschen mit Migrationshintergrund und Vertreter von Schulen und Kinder- und Jugendzentren.

(Die Studie zum Download finden Sie hier.)

Die Ergebnisse spiegeln deutschlandweite Trends ebenso wider wie spezifische Befunde für das Badische Staatstheater: Der leicht gestiegene Anteil der Jahrgänge über 50 Jahren (72,6 %) zeigt die Herausforderung, jüngere Menschen trotz des erfreulich hohen Anteils an den Erstbesuchen (66,1 % unter 50) dauerhaft zu binden.

Einen Weg zeigt die Konzertsparte auf: Anders als in vielen anderen Häusern gelingt es dem Badischen Staatstheater hier, durch die seit längerem angebotenen Kinder-, Jugend-, Sonder- und Jazz-Konzerte einen ungewöhnlich großen Anteil jüngerer Besucher zu gewinnen (27,2 % zwischen 30 und 50).

Gleichzeitig zahlt sich die besondere Pflege der Abonnements während der Corona-Pandemie aus: Erstaunliche 34,8 % der Befragten geben an, dass der Besuch am Abend der Befragung Teil ihres Abonnements war. Insgesamt nimmt die Häufigkeit von Besuchen pro Befragtem wie im Bundestrend allerdings ab (8,3 % mehr als 12 Besuche in den letzten 12 Monaten).

Die Herausforderung abnehmender Besuchshäufigkeiten wird gerade bei den inaktiven Besuchern und bei Menschen mit Migrationshintergrund durch ein grundsätzlich verändertes Informations- und Entscheidungsverhalten verstärkt: Kultur- und Freizeitaktivitäten werden zunehmend spontan innerhalb von Freundeskreisen und Netzwerken von „Communities“ getroffen. In der Kommunikation dazu, immer häufiger rein über Messenger wie WhatsApp oder Telegram, tauchen ausführlichere Informationen von Anbietern wie dem Badischen Staatstheater kaum noch auf.

Während Kommunikation und Entscheidungen sich immer weiter in semi-private digitale und hybride Räume verlagern, besteht zugleich ein starkes Bedürfnis nach einem rundum erfüllenden Gesamterlebnis beim Besuch einer Institution wie dem Badischen Staatstheater, nach Atmosphäre und Aufenthaltsqualität, nach Räumen für „Geselligkeit“ und Gemeinschaft. So sinkt mit der geringeren Zufriedenheit mit der Atmosphäre im Zuge der Baumaßnahmen im Badischen Staatstheater und Kritikpunkten bezüglich der Gastronomie auch die Zufriedenheit mit dem Haus insgesamt leicht.

Zugleich zeigt die Studie kurz vor dem Beginn der Intendanz von Christian Firmbach auch die solide Verankerung des Hauses bei seinem Publikum: Durch die weitgehend stabile Zufriedenheit mit dem künstlerischen Angebot und verbesserte Werte für einige Service-Bereiche bleibt die Gesamtzufriedenheit trotz der Beeinträchtigungen im Zuge der Sanierung auf einem zufriedenstellenden Niveau (90,0% sind „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“).

 

Vorhang zu? Vorhang auf!

Vortrag bei Tagung der Evangelischen Akademie Loccum

Die zweitägige Tagung „Vorhang zu?“ der Evangelischen Akademie Loccum widmete sich mit Vertretern von Bühnen, Wissenschaftlern und Journalisten den zukünftigen Perspektiven und Rollen von Theatern – mit besonderem Blick auf die Situation in Niedersachsen. (Die Agenda der Tagung zum Download hier: Vorhang zu_Agenda)

Klaus Siebenhaar steuerte aus der Forschung und den Publikationen des IKMW zentrale Trends in Zusammensetzung, Verhalten und Erwartungen des Theaterpublikums bei – zusammen mit daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen bezüglich Zielgruppenauswahl, Programmgestaltung, Verbesserung von Atmosphäre und Aufenthaltsqualität sowie zeitgemäßer Kommunikation mit dem postpandemischen Publikum. (Die Präsentation zum Vortrag zum Download hier: Vorhang auf_Loccum_24-01-16)

Theater und Publikum im Umbruch

Siebte Publikumsstudie am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Von Mai bis Oktober 2023 führte das Institut für Kultur und Medienwirtschaft für das Badische Staatstheater Karlsruhe die nun siebte Publikumsstudie seit 2011 durch und setzte damit eine im deutschsprachigen Raum in Tiefe und Kontinuität einzigartige Längsschnittstudie fort.

Für die repräsentative Befragung des Publikums konnten die Besucher entweder einen der vor Ort verteilten Fragebögen ausfüllen oder den identischen Online-Fragebogen beantworteten. Zusätzlich wurden mit insgesamt neun Fokusgruppen Zielgruppen mit besonderer Relevanz für die nachhaltige zukünftige Publikumsentwicklung vertieft analysiert: „inaktive“ Besucher, deren letzte Besucher ein Jahr und mehr zurücklagen, Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund sowie Lehrer aus verschiedenen Schulformen und Vertreter von Kinder- und Jugendzentren.

Die Ergebnisse werden im Frühjahr 2024 vom Badischen Staatstheater veröffentlicht und werden dokumentieren, ob sich die in der jüngsten Studie des IKMW für die Niedersächsischen Staatstheater Hannover belegten allgemeinen Herausforderungen an Theater – die anhaltende Zurückhaltung vieler Besucher nach dem Einschnitt der Corona-Pandemie, die zunehmenden Volatilität und Multioptionalität von Kulturnutzungsentscheidungen sowie die immer mehr in den „geschlossenen“ Welten von Messengern stattfindenden Kommunikation und Entscheidungen der Generationen Y und Z  – sich auch bei diesem großen deutschen Stadt- und Staatstheater auswirken.

Dazu wird zu untersuchen sein, wie stark sich die umfassenden Baumaßnahmen im Zuge von Sanierung und Umbau des Staatstheaters in Zeiten der gewachsenen Erwartungen an ein angenehmes Gesamtbesuchserlebnis in einer einladenden, „wohligen“ Atmosphäre auf die Besuchserfahrung und Bewertung des Publikums auswirken – und welche Ansatzpunkt für Gestaltung der Bauzeit bis 2034 abgeleitet werden können.

Stadt – Theater – Publikum

Publikums- und Bevölkerungsstudie für die Niedersächsischen Staatstheater Hannover veröffentlicht

Die Niedersächsischen Staatstheater Hannover sind eines der traditionsreichsten und größten deutsche Drei-Sparten-Häuser, die beispielhaft für künstlerische Vielfalt und Bürgernähe stehen. Nicht zuletzt deshalb haben sie die nun als Buch vorliegende Studie in Auftrag gegeben.

Es ist die erste umfassende, die Bevölkerung wie das abendliche Publikum einschließende post-pandemische Untersuchung, die Aufschluss über soziodemographische Profile, Herkunft sowie Motivation des Theaterpublikums, aber auch über Neu- und Umorientierung ehemaliger Besucherinnen und Besucher liefert.

Über das Beispiel der Niedersächsischen Staatstheater hinaus lassen sich – datenbasiert und kontextualisiert – wertvolle, verallgemeinerbare Erkenntnisse für die Rück- und Neugewinnung inaktiver oder abstinenter Publikumsgruppen gewinnen.

In den Niedersächsischen Staatstheater Hannover hat das IKMW bereits mit mehreren Abteilungen begonnen, in Workshops aus den Ergebnissen der Studie konkrete Maßnahmen zu entwickeln, ihre Umsetzung vorzubereiten und zu begleiten. Die Erkenntnisse liegen nun vor, die Arbeit in den Theatern können beginnen.

Das Buch ist erhältlich beim B&S Siebenhaar Verlag + Medien:

Achim Müller und Klaus Siebenhaar:
Stadt – Theater – Publikum
Publikums- und Bevölkerungsstudie 2023
Niedersächsische Staatstheater Hannover

B&S SIEBENHAAR VERLAG + MEDIEN OHG
ISBN: 978-3-949111-15-0
25,00 Euro

Bürger-Stimmen – People’s Voices

Die documenta fifteen spaltet die Öffentlichkeit wie kaum ein anderes Kunstereignis: Einer sehr kritischen, bisweilen skandalisierenden Medien-Öffentlichkeit steht ein von Besucher-Neugier, -Aufgeschlossenheit und -Forscherdrang geprägte Öffentlichkeit „vor Ort“ in Kassel gegenüber.

Anlass genug, im Auftrag und mit Unterstützung des „Bürgerbündnis documenta fifteen“ diese Besucher- und Bürger-Stimmen in und aus Kassel in Interviews, Reportagen, essayistischen Texten auf einer kuratierten Website zu Wort kommen zu lassen. In den beiden letzten documenta-Wochen und in den folgenden Monaten wird erstmalig eine Art „Bürger-Buch“ als Work-in-Progress entstehen.