Kulturelle Bildung in Zeiten knapper Kassen

Evaluation der Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder)

Im Herbst 2025 hat das IKMW die Evaluation der jüngsten Reihe von Education-Projekten des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) (BSOF) unter dem Titel „Spannungsfelder“ abgeschlossen. (Der Bericht des IKMW kann hier heruntergeladen werden.)

Die „Spannungsfelder“-Projekte waren in den letzten Monaten der Corona-Pandemie entstanden. Sie mussten unter einer doppelten Herausforderung realisiert werden: Die geringeren Mittel als bei den vorhergehenden Education-Projekten des BSOF und die großen, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende Unsicherheit im Zuge der Pandemie und ihrer Folgen.

Die gesellschaftliche Ungewissheit wurde denn auch inhaltlich-künstlerisch konsequent in den Fokus genommen: Jeder Durchlauf der „Spannungsfelder“-Reihe widmete sich einem Spannungsfelder zwischen scheinbar gegensätzlichen oder ambivalenten  Begriffen: „Musik und Technik“ (2020/21), „Orient meets Occident” (2021/22), “Recht und Gerechtigkeit” (2022/23), “Lüge und Wahrheit” (2024/25) und “Angst und Mut” (2024/25).

Rund um diese Begriffspaare wurde jeweils ein musikalisches Programm konzipiert und unter der Leitung von Howard Griffith und einer international erfahrenen Choreographin mit Schülerinnen von jeweils einer deutschen Schule in Frankfurt (Oder) und einer polnischen Schule aus der Partnerstadt Slubice interdisziplinäre Musik- und Performance-Vorstellungen erarbeitet und vor großem Publikum aufgeführt.

Wegen der geringeren Mittel nach dem Ende der Förderung der Education-Projekte des BSOF durch die Schweizer Drosos Stiftung im Jahr 2019 wurden die Projekte der „Spannungsfelder“-Reihe mit weniger Schülern und ohne die intensiven Proben an den Schulen über das Schuljahr hinweg realisiert.

Stärker war dafür der Aspekt der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Die Anzahl deutscher und polnischer Schüler hielt sich in den neuen Projekten ungefähr die Waage, so dass die erfolgreiche zwei- bis dreisprachige Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung für den Projekterfolg war. Es war folgerichtig, dass diese Projekte der grenzübergreifenden Zusammenarbeit in der ländlichen deutsch-polnischen Grenzregion im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg gefördert wurde.

Auch angesichts der geringeren Mittel und der gewachsenen Herausforderungen war es der Anspruch des BSOF, weiterhin Projekte zu realisieren, die für die teilnehmenden Schüler prägende Erfahrungen stiften und damit gleichzeitig Modellcharakter für andere oder zukünftige Projekte haben. Die Evaluation des IKMW belegte, dass auch mit den begrenzteren Mitteln beeindruckende und wirksame Education-Projekte realisiert werden können: Die verkürzten Entwicklungs- und Probenzeiten führten zwar zu nachvollziehbar geringeren wahrgenommenen Freiräumen zum Ausprobieren und Entfalten neuer Fähigkeiten. Der Stolz auf das Erreichte bei den Schülern und die Resonanz im Kreis der Familien war jedoch auf vergleichbaren Niveau wie in den vorhergehenden Großprojekten.

Die angesprochenen Einschränkungen zeigen aber auch, dass gerade kleinere Projekte angesichts der geringeren Gruppengrößen und der eingeschränkten Entwicklungs- und Probezeiten umso sorgfältiger konzipiert, geplant und umgesetzt werden müssen.

Die vom vom IKMW herausgearbeiteten Erfolgsfaktoren lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Für die direkte Wirksamkeit bei den Schülern ist das Zusammenwirken der beiden alten Kulturtechniken des Spiels und des Fest ausschlaggebend. Die produktive Verbindung von künstlerischem Spiel und darstellendem, aufführendem Ereignis mündet in die Erfahrung von Freiheit und Selbstbestimmung. Im Einzelnen ist zu gewährleisten:

  • Der Beitrag der Schüler muss für die Schüler erkenn- und spürbar sein;
  • Schlüsselpositionen wie die musikalische und choreographische Leitung müssen mit charismatischen Identifikationspersonen besetzt sein.
  • Für zentrale Entwicklungsphasen sollten dritte Orte außerhalb der Schule oder der Kulturinstitution aufgesucht werden.
  • Partner der Schüler im künstlerischen Prozess sollten professionelle Künstler mit zugewandter, pädagogischer Haltung sein.
  • Im Rahmen sollte vollwertige Stücke und Stoffe auf ebenso vollwertigen Bühnen erarbeitet und aufgeführt werden.
  • Die mehrsprachige Zusammenarbeit sollte durch mehrsprachiges Personal bzw. Sprachmittler und durch spezifische Methoden der Gruppenbildung gestaltet werden.

Um dauerhaft Wirkung über einzelne Projekte hinaus zu entfalten, sollte das Zusammenspiel von Schule, Elternhaus, Orchester, Choreographen und Mittlerorganisationen als Bildungs-Ökosystem verstanden und gestaltet werden. Das bedeutet:

  • Der formale Bildungsraum Schule ist weiterhin der zentrale Wirkungsort. Die Beziehung zu Partnerschulen, die kontinuierliche Absprache mit Schulleitung und Lehrkräften sind unabdingbaren Grundlagenarbeit.
  • Kulturinstitutionen wirken als Inkubatoren und Akzeleratoren. Um als Plattform der immer neuen Projekte Kontinuität zu sichern, sollte kulturelle Bildung dauerhaft im Budget und Organisationsstruktur verankert werden.