Kulturprojekte

Kulturelle Produktionen – in eigener oder kooperativer Trägerschaft – gehören bereits zur Tradition des IKMW. Vor allem im Ausstellungsbereich, aber auch interdisziplinäre Projekte im Schwerpunktbereich Kultur und Stadtentwicklung verfügt das IKMW bereits über sein Vorgängerinstitut über jahrzehntelange Expertise. Dieses Erfahrungs- und Handlungswissen kommt nun auch in internationalen Kooperationen zum Tragen.

Zu den großen Ausstellungsprojekten gehören die „Mythos dokumenta“-Ausstellung im CAFA Art Museum und Peking (2017), „Arnold Bode und seine Erben“ in der New Gallery of Art in Shanghai (2018) sowie Ausstellungs- und Konferenzprojekte im Rahmen der Reihe „Budapest x Berlin“. Aktuell wird in der Residenz der Deutschen Botschaft in Peking die in Kooperation mit der Zeppelin Universität Friedrichshafen und dem documenta-Archiv entstandene Kabinettausstellung „Joseph Beuys und die documenta“ gezeigt.

„Suspended Self“ Abschlussausstellung der Gen Z – Triologie in Budapest

Die letzte Station auf dem Weg in die Seelenlandschaft der chinesischen Gen Z

Die Ausstellung „Suspended Self – Perspektiven auf die Generation Z zwischen psychologischen Landschaften und urbanem Code“ wurde am 29. Juni 2026 in Budapest, Ungarn, eröffnet. Es handelt sich um eine Rechercheausstellung, die auf dem Seminar „Moderne, Postmoderne und Gegenwart“ basiert, das Prof. Dr. Klaus Siebenhaar im Wintersemester 2025/26 an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking gehalten hat.

Aus der Perspektive iher Generation suchen Studenten und Studentinnen der CAFA Antworten auf ihre drängenden Fragen nach ihrer Identität, ihren Verhältniss zu Gesellschaft und Kunst.

Sie reflektieren über die Kluft zwischen Individuum und Gesellschaft, die Diskrepanz zwischen Idealen und Realität, die verschwimmenden Grenzen zwischen Virtuellem und Realem sowie über Verwirrung und Stagnation in der persönlichen Entwicklung inmitten einer rasanten gesellschaftlichen Entwicklung. Veraltete Lebensweisen funktionieren nicht mehr, doch die Zukunft bleibt ungewiss, und weder die Zeit noch die Gesellschaft liefern vorgefertigte Antworten. Die Generation Z bemüht sich, auf ihre eigene Weise den Dialog mit der Welt wiederherzustellen. Sie wendet sich nach innen, um ihre psychischen Landschaften zu erkunden und inmitten der Ungewissheit nach ihrem authentischen Selbst zu suchen. Gleichzeitig begeben sie sich in die Städte, um wieder greifbare Verbindungen zu den urbanen Räumen herzustellen.

Die Ausstellung präsentiert Kunstwerke chinesischer und ungarischer Künstler der Generation Z. Die Gan Z sucht nicht nur noch Antworten oder ihren individuellen Ausdrucksformen, sich will den Dialog, die Interaktion mit dem Publikum.

Der Veranstaltungsort befindet sich auf dem ehemaligen Gelände der historischen Dreher-Brauerei in Kőbánya, 10 Bezirk in Budapest. Das Gelände, das mittlerweile als städtisches Kulturerbe anerkannt ist, wird von der 11_11 Foundation, dem Partner des „TripleB“-Projekts, in Zusammenarbeit mit der Bezirksverwaltung von Kőbánya zu Kunsträumen umgestaltet.

Der Empfang am Eröffnungstag stieß auf große und positive Resonanz. Besucher aller Altersgruppen nahmen an den Aktivitäten vor Ort teil.

„Suspended Self“ ist der Abschluss der Gen Z – Trilogie, die 2025 mit der Ausstellung „Beijing – Berlin – Boheme“ begonnen hat.

Weitere Informationen:
Ausstellungsbroschüre
Public Education Handbook_From Avatar to Reality — A Gen Z Self-Portrait Handbook

Die chinesische Generation Z: Underground-Rockkultur & “Academic” Bars

Eine Entdeckungsreise in die Welt der chinesischen Rockkultur heute

Im Sommersemester 2024/25 führten Studenten und Studentinnen der Generation Z an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking unter der wissenschaftlichen Leitung und Betreuung von Prof. Dr. Klaus Siebenhaar eine Reihe von Recherchen durch und entwickelten daraus eine experimentelle Ausstellungsformat mit dem Titel „A DAY IN THE LIFE – Träume einer chinesischen DJane der Generation Z“. Experimentell, Methodisch experimentell war das Verfahren, weil dokumentarisches Material in eine autobiographische Erzählung eingebaut wurde.

Die Ausstellung wurde im Sommer 2026 als Pop-up-Ausstellung (2 Tage) in der Galerie Friese präsentiert. Sie ist nach der Ausstellung „Beijing-Berlin-Boheme“ ein weiteres Gemeinschaftsprojekt der Galerie Friese, des IKMW und der CAFA.

Originalplakate, Fotos, Fashion und umfangreiche Videos beleuchten eine im Westen kaum wahrgenommene chinesische Jugend- und Musikkultur zwischen Underground und Mainstream. Westliche und asiatische Ästhetiken (Psychedelic, K-Pop) sind ebenso deutlich zu erkennen wie ganz eigenständige, genuine chinesische Formen und Trends wie die „Academic Bars“ oder Vintage- Rock- Läden. Diese Rechercheausstellung gleicht einer Entdeckungsreise in den Lifestyle, die Selbst- inszenierungen, Träume und auch Alpträume einer Generation, die zum ersten Mal ein globales Phänomen darstellt.

Kulturell-mediale Bildung

Das IKMW entwickelt Kreativ-Formate und Projekte an der Schnittstelle von kulturell-medialer Bildung, Deutsch als Fremdsprache sowie Jugendaustausch und Integration. Über die bereits vielfach in nationalen und internationalen Projekten durchgeführten (analogen) Formate – wie dem DaF-Dokutheater und DaF-Tanztheater – hinaus, realisieren wir zielgruppenspezifische, ‚maßgefertigte‘ Projekte im Bereich des hybriden und digitalen Lernens.

Ein inhaltlich breit gefächertes Netzwerk aus Kulturmanagern, Kunst- und Medienschaffenden sowie Lehrkräften erarbeitet didaktische Materialien, Workshops für Lehrerinnen und Lehrer, Studierende, Schülerinnen und Schüler. Sie werden in Kooperation mit Partnerorganisationen (z.B. Goethe Institute , Stiftung Mercator, DTJB, PASCH) sowie schulischen und universitären Bildungseinrichtungen im In- und Ausland umgesetzt. Die wissenschaftliche Evaluation ist optional Bestandteil unserer Projekte.

Wie 300 Lehrkräfte ein Neuronales Netz wurden

KI, Theater und kulturell-mediale Bildung bei der Deutschlehrertagung in Bulgarien

Pazardzhik, Bulgarien | 17.–19. April 2026

Der Moment wirkt beinahe surreal: Fast 300 Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer richten die Lichter ihrer Mobiltelefone auf die Bühne eines Konzertsaals in Pazardzhik. Aus dem Publikum entsteht ein pulsierendes Netz aus Lichtpunkten – als hätte sich der Raum selbst in ein neuronales System verwandelt.

Was zunächst wie eine theatrale Intervention erscheint, ist Teil eines Vortrags über Künstliche Intelligenz, kulturell-mediale Bildung und die Zukunft des Deutschunterrichts.

Im Rahmen der 34. Tagung des Bulgarischen Deutschlehrerverbandes gestaltete Stephan Reischl, unser Direktor für kulturell-mediale Bildung, im Auftrag des Goethe-Instituts Sofia einen Plenarvortrag sowie zwei mehrstündige Workshops zu KI, Theaterpädagogik und kreativen Vermittlungsformaten.

Unter dem Titel „Neues vom Deus ex machina – KI im Deutschunterricht“ verband Reischl kulturgeschichtliche, theaterpädagogische und mediale Perspektiven mit aktuellen Fragen zur Rolle von Lehrkräften in Zeiten generativer KI.

Im Zentrum stand dabei nicht allein die technische Entwicklung, sondern die Frage nach Präsenz, Kreativität und pädagogischer Haltung: Was geschieht, wenn Maschinen beginnen, Sprache, Bilder und sogar menschliche Kommunikation zu simulieren? Welche Rolle bleibt Lehrkräften in einer Welt algorithmischer Systeme? Und wie verändern sich Unterricht, Wahrnehmung und Lernprozesse durch KI-gestützte Kommunikation?

Anknüpfend an die Figur Walther von Stolzing aus Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg entwickelte Reischl dabei die Idee eines „Stolzing-Effekts“ – als Bild für das Spannungsfeld zwischen Regel und Innovation, Tradition und schöpferischer Erneuerung.

Der Vortrag verband klassische Präsentation mit performativen Elementen, chorischen Interventionen und bewusst gesetzten Irritationsmomenten. KI-generierte Stimmen, theatrale Übergänge und kollektive Aktionen verwandelten den Vortragssaal zeitweise selbst in eine performative Lernumgebung.

(300 Lehrerinnen und Lehrer bilden das „neuronale Netz“)

In zwei anschließenden Workshops unter dem Titel „Quo vadis, K-reat-I-vität?“ erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer praktische Einblicke in kreative KI-gestützte Unterrichts- und Theaterformate. Im Mittelpunkt standen hybride Lernräume, dokumentarische Theaterformen im DaF-Unterricht sowie Möglichkeiten, kreative Schreib-, Medien- und Performanceprozesse mit KI-Werkzeugen zu verbinden.

Die Arbeit knüpft an zahlreiche internationale Projekte des IKMW im Bereich kulturell-medialer Bildung an. Gemeinsam mit internationalen Partnern entwickelt das Institut seit Jahren analoge, hybride und digitale Formate an der Schnittstelle von Theater, Medien, Sprache und kultureller Bildung.

Gerade in Zeiten tiefgreifender technologischer Veränderungen wurde in Pazardzhik deutlich, dass kulturelle Bildung weit mehr sein kann als reine Wissensvermittlung:
Sie kann Erfahrungsraum, Reflexionsraum und gemeinschaftliches Experimentierfeld zugleich sein.

(Der Workshop)

Forschung und Publikationen

Das IKMW führt empirische Forschung im Kultur-, Medien- und Bildungsbereich durch. Das Forschungsspektrum reicht dabei von der Besucher- und Kulturnutzerforschung über Kulturmarktforschung in nationalen und internationalen Kontexten bis hin zu Machbarkeitsstudien für Projekte und kulturelle Infrastruktur, Branchenstudien und Potenzialanalysen sowie Forschung zu Medienentwicklung / Medienkulturen. Dazu gehören insbesondere auch Studien an der Schnittstelle von Kultur, Technologie, Organisationsentwicklung und kultureller Kommunikation/Vermittlung (s. TADE 21). Ausgewählte Studien werden regelmäßig publiziert.

Veröffentlichungen aus der Arbeit des IKMW

Klaus Siebenhaar im Interview mit Bettina Fraschke: „Kulturschaffende kennen ihre Zielgruppen nicht“ – Forscher übt Kritik. HNA, 08.04.2026. (Artikel online verfügbar hier!)

Klaus Siebenhaar bezieht mit Rüdiger Mass Stellung im Artikel von Farina Kremer: AfD flutet soziale Medien – andere Parteien schauen zu. Rheinische Post, rp-online, 29.03.2026 (Artikel online verfügbar hier!)

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Kulturelle Bildung mit langem Atem. In: Rückblick Ausblick. Leitfaden zur deutsch-polnischen Kulturvermittlung. Frankfurt (Oder), 2025 (Die Broschüre zum Download finden sie hier!)

Klaus Siebenhaar: Kultursponsoring durch Öl- und Gasfirmen: ethisch vertretbar? WDR Westart, 08.07.2025. (Online nachzuhören hier!)


Klaus Siebenhaar: Finanzielle Probleme der Berliner Kulturszene: Selbstbestimmt sparen beginnt in den Häusern. Tagesspiegel, 29.05.2025 (Hier geht es zum Artikel.)

Klaus Siebenhaar: Auftrag Publikum. Geschichte. Gegenwart. Zukunft. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Berlin 2025

Klaus Siebenhaar: TV-Duell Höcke gegen Voigt: Medienexperte sieht eine „klaren Sieger nach Punkten“. Interview auf Welt.de. 2024.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Stadt – Theater – Publikum. Publikums- und Bevölkerungsstudie 2023 Niedersächsische Staatstheater Hannover. Berlin 2023.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Stadt-Theater-Publikum_Content)

Klaus Siebenhaar, Achim Müller (Hrsg.): Timehouse: Where are we NOW?. Booklet zur Ausstellung im Löwenpalais Berlin. Berlin 2023.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Real time Extended reality Applications and Languages to Innovate creative industries‘ Narratives – Impact Study and Policy Recommendations. Berlin 2022.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Real-In_Impact Study_Content)

Klaus Siebenhaar: Schlesinger-Affäre: So schafft man sich selbst ab. Berliner Morgenpost online, aktualisiert 15.08.2022.

Klaus Siebenhaar: Cosmos Beuys. Art – World View – documenta. Berlin 2022.

Klaus Siebenhaar: Traum von der Teilhabe. Was Kulturinstitutionen zur Erhöhung ihrer
Reichweite leisten können – und was nicht. In: Museumsjournal, Ausgabe 3/22.

Klaus Siebenhaar: documenta. Die Geschichte der Weltkunstausstellung. Berlin 2022.

Klaus Siebenhaar: Kosmos Beuys. Kunst – Weltbild – documenta. Peking/Berlin 2021.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: Kassel, seine städtischen Museen und ihr Publikum. Eine vergleichende Besucherstudie, Berlin 2020.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Unternehmerische Kulturförderung in Deutschland, Berlin 2019.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Opernsänger mit Zukunft! Karriereaussichten für Nachwuchssänger im deutschen Kulturbetrieb – Analysen, Erfahrungen, Empfehlungen, Gütersloh 2019.
(Inhaltsverzeichnis zum Download: Opernsaenger mit Zukunft_Content)

Gunnar Bender, Ralf Herbrich, Klaus Siebenhaar (Hrsg.): Mit Optimismus in die Zukunft sehen. Künstliche Intelligenz – Chancen und Rahmenbedingungen. Berlin 2018.

Klaus Siebenhaar, Achim Müller: Bildung für die Praxis. Studiengänge für die Berliner Musikwirtschaft, Berlin 2018.

Achim Müller, Klaus Siebenhaar: European Theatre and the Public. Development, Orientations and Evidence, Berlin 2016.

Klaus Siebenhaar: Auftrag Publikum. Der Hochkulturbetrieb zwischen Audience Development und Ereignisästhetik, Berlin 2015.

Ein Schiff wird kommen.

Interreligiöses Projekt des „Jüdischen Kulturschiffs MS Goldberg“ evaluiert

Im zweiten Halbjahr 2025 hatte das IKMW die Gelegenheit, eine außergewöhnliche Kulturinstitution bei einem ebenso besonderen Vorhaben zu begleiten: Für das „Jüdische Kulturschiff MS Goldberg“ erarbeitete das Institut für das Programm „Abrahams Familiengeschichten“ eine umfassende Evaluation mit Zukunftsszenarien und Empfehlungen.

Mit “Abrahams Familiengeschichten” verfolgte die MS Goldberg eine anspruchsvolle inhaltliche und gesellschaftliche Mission: Ausehend von ihrer Verankerung in der jüdischen Kulturszene standen neben jüdischen auch im Islam oder im Christentum verortete Künstler, Musiken, Themen auf der Bühne. Ziel war es, das Verbindende zwischen den Religionen und Kulturen für ein möglichst großes Publikum inhaltlich und emotional erfahrbar zu machen.

Der Ort selbst trägt erheblich zu dieser Mission bei. Die MS Goldberg umgibt als ehemaligen Binnenfrachter eine besondere Aura: ein Schiff ist per se ein Ort außerhalb des Alltags, trägt unterschiedlichste Personen und Kulturen mit sich. Sie ist niedrischwelliger als eine türenbewehrte Kulturinstitution und kann ihren Liegeplatz verändern, um an anderen Orten ein anderes Publikum zu erreichen. Zugleich jedoch verlangen die Liegeplatzwechsel, an jedem Ort das Publikum spezifisch anzusprochen und aufzubauen.

Wer auf die MS Goldberg kommt, ist mit den Aufführungen und der Besuchserfahrung voll und ganz zufrieden: Die Zufriedenheit der Besucherinnen und Besucher ist auf einem außerordentlich hohen Niveau. Besonders die gelungene Kombination aus Musik und Texten, die Möglichkeiten für Fragen, Diskussion und Austausch sowie der Fokus auf Alltagsgeschichten, Humor und verbindende Elemente zwischen den Religionen tragen maßgeblich zum Erfolg bei.

Gleichzeitig wurde eine Entwicklungsperspektive identifiziert: Für das bisher weniger vertretene jüngere Publikum sollten zukünftig im Sinne einer Plattformorganisation mit Partnern wie den Kunsthochschulen ein spezifische neue Produktionen und Formate entwickelt werden.

Auch in der Kommunikation zeigen sich klare Stärken und Potenziale. Derzeit kommt das Publikum in Berlin vor allem aus Spandau – dem aktuellen Liegeplatz – und den umliegenden Bezirken. Besonders wirksam sind persönliche Empfehlungen, spontanes Laufpublikum sowie der für eine junge Institution umfangreiche Newsletter-Verteiler. Zukünftig könnte eine stärkere „Plattformisierung“ der Kommunikation dazu beitragen, die Reichweite zu erhöhen: Durch die Zusammenarbeit mit Programmpartnern und Netzwerkakteuren lassen sich spezifische Zielgruppen gezielter ansprechen und neue Publikumssegmente erschließen.

Das Fazit der Evaluation fällt insgesamt sehr positiv aus: Die MS Goldberg hat die entscheidenden Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung bereits gestellt. Mit ihrem klaren Profil, der besonderen Spielstätte und der Offenheit für kooperative Strukturen verfügt sie über hervorragende Voraussetzungen, ihr Publikum nachhaltig  zu erweitern. So wird sie in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierungen noch stärker durch lebendige und positive Erfahrungen Vorurteil ab- und  Brücken zwischen Religionen und Kulturen aufbauen können.

Kulturelle Bildung in Zeiten knapper Kassen

Evaluation der Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder)

Im Herbst 2025 hat das IKMW die Evaluation der jüngsten Reihe von Education-Projekten des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt (Oder) (BSOF) unter dem Titel „Spannungsfelder“ abgeschlossen. (Der Bericht des IKMW kann hier heruntergeladen werden.)

Die „Spannungsfelder“-Projekte waren in den letzten Monaten der Corona-Pandemie entstanden. Sie mussten unter einer doppelten Herausforderung realisiert werden: Die geringeren Mittel als bei den vorhergehenden Education-Projekten des BSOF und die großen, alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende Unsicherheit im Zuge der Pandemie und ihrer Folgen.

Die gesellschaftliche Ungewissheit wurde denn auch inhaltlich-künstlerisch konsequent in den Fokus genommen: Jeder Durchlauf der „Spannungsfelder“-Reihe widmete sich einem Spannungsfelder zwischen scheinbar gegensätzlichen oder ambivalenten  Begriffen: „Musik und Technik“ (2020/21), „Orient meets Occident” (2021/22), “Recht und Gerechtigkeit” (2022/23), “Lüge und Wahrheit” (2024/25) und “Angst und Mut” (2024/25).

Rund um diese Begriffspaare wurde jeweils ein musikalisches Programm konzipiert und unter der Leitung von Howard Griffith und einer international erfahrenen Choreographin mit Schülerinnen von jeweils einer deutschen Schule in Frankfurt (Oder) und einer polnischen Schule aus der Partnerstadt Slubice interdisziplinäre Musik- und Performance-Vorstellungen erarbeitet und vor großem Publikum aufgeführt.

Wegen der geringeren Mittel nach dem Ende der Förderung der Education-Projekte des BSOF durch die Schweizer Drosos Stiftung im Jahr 2019 wurden die Projekte der „Spannungsfelder“-Reihe mit weniger Schülern und ohne die intensiven Proben an den Schulen über das Schuljahr hinweg realisiert.

Stärker war dafür der Aspekt der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Die Anzahl deutscher und polnischer Schüler hielt sich in den neuen Projekten ungefähr die Waage, so dass die erfolgreiche zwei- bis dreisprachige Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung für den Projekterfolg war. Es war folgerichtig, dass diese Projekte der grenzübergreifenden Zusammenarbeit in der ländlichen deutsch-polnischen Grenzregion im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg gefördert wurde.

Auch angesichts der geringeren Mittel und der gewachsenen Herausforderungen war es der Anspruch des BSOF, weiterhin Projekte zu realisieren, die für die teilnehmenden Schüler prägende Erfahrungen stiften und damit gleichzeitig Modellcharakter für andere oder zukünftige Projekte haben. Die Evaluation des IKMW belegte, dass auch mit den begrenzteren Mitteln beeindruckende und wirksame Education-Projekte realisiert werden können: Die verkürzten Entwicklungs- und Probenzeiten führten zwar zu nachvollziehbar geringeren wahrgenommenen Freiräumen zum Ausprobieren und Entfalten neuer Fähigkeiten. Der Stolz auf das Erreichte bei den Schülern und die Resonanz im Kreis der Familien war jedoch auf vergleichbaren Niveau wie in den vorhergehenden Großprojekten.

Die angesprochenen Einschränkungen zeigen aber auch, dass gerade kleinere Projekte angesichts der geringeren Gruppengrößen und der eingeschränkten Entwicklungs- und Probezeiten umso sorgfältiger konzipiert, geplant und umgesetzt werden müssen.

Die vom vom IKMW herausgearbeiteten Erfolgsfaktoren lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Für die direkte Wirksamkeit bei den Schülern ist das Zusammenwirken der beiden alten Kulturtechniken des Spiels und des Fest ausschlaggebend. Die produktive Verbindung von künstlerischem Spiel und darstellendem, aufführendem Ereignis mündet in die Erfahrung von Freiheit und Selbstbestimmung. Im Einzelnen ist zu gewährleisten:

  • Der Beitrag der Schüler muss für die Schüler erkenn- und spürbar sein;
  • Schlüsselpositionen wie die musikalische und choreographische Leitung müssen mit charismatischen Identifikationspersonen besetzt sein.
  • Für zentrale Entwicklungsphasen sollten dritte Orte außerhalb der Schule oder der Kulturinstitution aufgesucht werden.
  • Partner der Schüler im künstlerischen Prozess sollten professionelle Künstler mit zugewandter, pädagogischer Haltung sein.
  • Im Rahmen sollte vollwertige Stücke und Stoffe auf ebenso vollwertigen Bühnen erarbeitet und aufgeführt werden.
  • Die mehrsprachige Zusammenarbeit sollte durch mehrsprachiges Personal bzw. Sprachmittler und durch spezifische Methoden der Gruppenbildung gestaltet werden.

Um dauerhaft Wirkung über einzelne Projekte hinaus zu entfalten, sollte das Zusammenspiel von Schule, Elternhaus, Orchester, Choreographen und Mittlerorganisationen als Bildungs-Ökosystem verstanden und gestaltet werden. Das bedeutet:

  • Der formale Bildungsraum Schule ist weiterhin der zentrale Wirkungsort. Die Beziehung zu Partnerschulen, die kontinuierliche Absprache mit Schulleitung und Lehrkräften sind unabdingbaren Grundlagenarbeit.
  • Kulturinstitutionen wirken als Inkubatoren und Akzeleratoren. Um als Plattform der immer neuen Projekte Kontinuität zu sichern, sollte kulturelle Bildung dauerhaft im Budget und Organisationsstruktur verankert werden.

IKMW expandiert

Triple B „Berlin-Beijing-Budapest“

Kunst- und kulturbasierte urbane Projekte stehen im Zentrum des „Triple B“-Unternehmens des IKMW in Berlin mit der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Beijing und der Stiftung 11_11 in Budapest, das sich in Zusammenarbeit mit studentischen Gruppen und Nachwuchskulturmanagern aus den drei Metropolen Praxisprojekten an der Schnittstelle von Distriktentwicklung, Ästhetischer Bildung, Nachbarschaftsentwicklung und „dritten Orten“ widmet. Klaus Siebenhaar als Distinguished Professor der CAFA und der neu ins Leitungsteam aufgenommene Mitbegründer der ungarischen Stiftung 11_11, Daniel Ongjert, übernehmen gemeinsam mit dem „Global Forum“ der CAFA die Entwicklung und Steuerung der vielfältigen Aktivitäten zwischen Ausstellungen, Raumforschung und strukturellen Praktiken für chinesische Studenten insbesondere in Budapest.

Das folgende Video gibt einen Eindruck von dem erfolgreichen deutsch-chinesisch-ungarischen Kollaborationsprojekt „Art Clinic“ in Budapest:

Die Zusammenarbeit beginnt nicht bei Null: die erfolgreichen größeren wie kleineren Ausstellungsprojekte in Berlin und Budapest („Art Clinic“, „Timehouse“, „Berlin-Beijing-Boheme“) lieferten wertvolle Erfahrungen und bekräftigten den Wunsch nach kontinuierlicher Kooperation, die vor allem auch die internationale akademische Nachwuchsentwicklung in den Mittelpunkt rückt.

Verstärkung

Daniel Ongjerth übernimmt “Internationale Projekte“

Daniel Ongjerth, Mitbegründer der Stiftung 11_11 in Budapest, verstärkt mit Beginn des Jahres 2026 das Leitungsteam des IKMW. Von Budapest aus steuert er internationale Projekte mit dem Schwerpunkt kulturelle Ökosysteme und Stadtentwicklung. Aufgrund seiner langjährigen Expertise im Bereich des kunst- und kulturbasierten „Community Building“ und erfolgreicher Projektkooperationen mit dem IKMW vor und während der Pandemie ist er von sofort an für das „Triple B“-Projekt mit der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking mitverantwortlich.